2005 September

Edvard Munch – Hanneke Beaumont

Psyche

9. September – 26. November 2005

Vernissage am 9. September von 18 – 21 Uhr

„Ich male nicht, was ich sehe, sondern was ich sah.“ [1] „Durch meine Kunst habe ich probiert, mir das Leben und seine Bedeutung zu erklären. Dabei wollte ich auch anderen helfen, sich mit dem Leben auseinanderzusetzen.“ [2]

Die Kunst von Edvard Munch ist von Selbsterlebnissen und subjektiven Empfindungen geprägt, die jedoch nicht individualisiert und unmittelbar erzählerisch dargestellt werden, sondern das Unbewusste als kollektive Erfahrung wiedergeben und nachvollziehbar machen sollen.
Die immer wiederkehrenden Themen Melancholie, Einsamkeit, Angst, Krankheit und Tod erhalten eine ständig variierte bildnerische Umsetzung.
Das psychologisierende Moment äußert sich in der konzeptionellen Verknüpfung zwischen Mensch und Raum: Landschaften und Innenräume entwickeln sich zu Stimmungsbildern, in die die Figuren zwar eingebunden wirken, ihnen aber dennoch entfremdet erscheinen. Durch dynamische Tiefenwirkung, verkürzte Bodenflächen, extreme Raumfluchten und tiefe Abgründe, die den dunklen, flächig aufgetragenen, isolierten und in Gestik und Mimik erstarrten Figuren den Halt zu entziehen drohen, schafft Munch Metaphern für den Übergang vom Leben zum Tod.

Edvard Munchs Bilder sind von der eigenen Lebensangst geprägt. Zeitlebens an Verfolgungswahn leidend und durch seine Kontakte zu Prostituierten und seine unglückliche Beziehung mit Tulla Larsen stigmatisiert, die 1902 in einem handgreiflichen Streit eskaliert und zur endgültigen Trennung und einem Nervenzusammenbruch des Künstlers führt, steht er dem weiblichen Geschlecht in einem äußerst dualistischen, von Sehnsucht und Furcht dominierten Verhältnis gegenüber. Diesen Zwiespalt alterniert er im Motiv der von Sehnsucht und Einsamkeit gequälten Frau, in Vampir- und Dämonendarstellungen des männerverführenden Weibes und in Bildnissen von einsamen, bedrohten weiblichen Kreaturen. Hell-/ Dunkelkontraste und der Wechsel von Licht und Schatten, Farb- und Formwerten symbolisieren die ambivalente Verbindung zwischen Mann und Frau.
Im Bildraum entwickeln sich Gegensätze von Offenheit und Enge, stabilen und labilen Konstruktionen, fließenden und tektonisch gefestigten Ordnungen; der unmittelbare Übergang von der Zwei- in die Dreidimensionalität hebt die Grenze zwischen Innen- und Außenraum, zwischen Mensch und Raum/Landschaft auf.
Oft greift der Hintergrund die Farbvaleurs der Figuren auf und verweist auf ihre Beziehung zueinander, indem er sie miteinander verschmelzen lässt oder durch Richtungsverschiedenheiten ihre Loslösung voneinander deutlich macht: Munch stellt die Natur und den Raum gleichwertig zur Figur dar und unterwirft sie als Umgebung des Menschen dessen seelischen Prozessen.
Differenzierte Figurenansichten entwickeln eine psychologisierende Symbolik: Die Vorderansicht (En face) dient als Ausdruck von Angst und Einsamkeit, im Profil zeigt sich die Loslösung der Frau von ihrem Begleiter und ihr Schweifen in die Ferne, während die in Rückenansicht Dargestellten ihre gesteigerte Konzentration auf ihr Innenleben veranschaulichen. Im verlorenen Profil (Schrägansicht) offenbart sich schließlich tiefes Leiden und das Abwenden von der Außenwelt.
Die völlige Passivität der Figuren deutet Handlungs- und Kommunikationsunfähigkeit, Berührungsangst und innere Isolation an. Edvard Munchs Figuren erleiden ihre psychische Verfassung am ganzen Körper; sie tragen das Pathos ihres seelischen Zustandes, das ihre Betroffenheit zum Ausdruck bringt.

Hanneke Beaumont thematisiert in ihrem Werk die Psyche des Menschen, seine Einsamkeit, Entfremdung, Melancholie, Sehnsucht – seine Existenz.

Ihre lebensgroßen archaisch anmutenden Einzelfiguren und Figurengruppen ruhen in liegender, sitzender, kniender, stehender oder schreitender und stets introvertierter Haltung auf minimalistischen hohen Sockelkonstruktionen.
Beziehungslos, mit erhobenem Haupt und starr geradeaus gerichtetem Blick treten sie ihrer Umgebung gegenüber. Sie posieren ohne Gestik und Mimik in theatralischer Attitüde, sind Vehikel ihrer individuellen Emotionen, die zwischen Isolation, Selbstreflektion, Autonomie, stoischem Heroismus und Pathos variieren. Ihre Körpersprache impliziert das heroisch-poetische Moment der Selbstaufgabe und Verzweiflung, ohne es nach außen zu projezieren; die Figuren ertragen still ihr Schicksal, sind zwischen dem Verlangen nach Annäherung, Berührung, Teilnahme und dem Wunsch nach Rückzug und Kontemplation hin- und hergerissen.

Das Fundamentale an Beaumonts Figuren liegt in ihrem subtilen Widerspruch zwischen Realismus und Abstraktion, Natur und Kultur, Femininem und Maskulinem, Modernität und Klassizismus, Organischem und Archaischem: die Körper bedecken schlichte Gewänder, die durch ihre detailliert ausgearbeiteten Oberflächenstrukturen als untrennbar von ihnen aufgefasst werden und Assoziationen an gotische Gewanddraperien wecken.
Stark kontrastierend und Intensität und Spannung evoziierend gegenüber den virtuos-expressiven Texturen wirken die nüchtern-maskenhaften und androgynen Gesichter der Dargestellten, in denen sich der in der Gesellschaft vorherrschende Identitätsverlust, die Teilnahmslosigkeit und Anonymität der Menschheit widerspiegeln.

Die von der Künstlerin intim empfundenen Figuren aus Bronze, Eisen und Terracotta thronen auf reduziert-geometrischen oder kubischen Eisen- und Stahlgerüsten. Die häufig aus zwei Teilen – Figur und Sockel – bestehenden Installationen verweisen auf die Affinität der Figur zur Außenwelt: Die ausgewogene Haltung des Körpers symbolisiert Selbstkontrolle und Selbstbewusstsein, während die ausformulierten Körperoberflächen den drohenden Kontrollverlust und die daraus resultierende Selbstaufgabe signalisieren.

Im dreidimensionalen Raum scheinen die Figuren – trotz ihrer absoluten Passivität – im ständigen Fluss zu sein und auf ihre Umgebung zu reagieren. Wie monumentale Türme ragen sie aus der Erde, strecken sich mit erhobenen Armen zum Horizont empor oder dem Betrachter entgegen, dabei ihren Kampf und ihre innere Zerrissenheit offenbarend.

Hanneke Beaumont manifestiert in ihren Kompositionen ein allgemeingültiges Symbol für den Seelenzustand des Menschen, seine Selbstzweifel und Hilflosigkeit und seine Standhaftigkeit gegenüber Chaos und Alltag. Durch die Konfrontation mit dem Schicksal und die Courage, es zu überwinden, erfasst er den Sinn seines Daseins.

[1] Langaard, J.H. und Vaering, R.: Edvard Munch. Selvportretter, Oslo 1947, S. 6 (Langaard I)
[2] Zitat nach Arnold, Matthias: Edvard Munch (Rowohlts Monographien), Reinbek 1986 (5. Aufl. 1995), S. 7


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