2006 Januar

GALERIE RIEDER

Pressetext zur Ausstellung
ARTE ESPANOL

28. Januar – 20. April 2006

Die Galerie Rieder zeigt unter dem Titel „Arte Espanol“ Werke von Chillida, Farreras, Miró, Picasso, Saura und Tàpies.

Die frühen bildhauerischen Arbeiten von Eduardo Chillida stehen in der Nachfolge von Constantin Brancusis plastischem Gestalten. Sie negieren die naturalistische Wiedergabe des Gegenstandes, sie reduzieren sich auf den darstellenden, nicht abgebildeten archaischen Gegenstand.

Weiche abgerundete Formen und die Konzentration auf das Volumen der Schwere und Kompaktheit der Materialien Stahl und Terracotta stehen im Mittelpunkt seines Schaffens. Die Skulptur erfährt durch den Betrachter eine neue ästhetisch-sinnliche Wahrnehmung.

Dem Künstler Chillida gelingt es virtuos, seine bildhauerische Ausdruckskraft in das druck-graphische Medium zu transferieren. Er entwickelt in seinen Papierarbeiten eine neue Plastizität, in dem er Hell/Dunkel- und Schwarz/Weiss-Kontraste verwendet und subtil zwischen Unter- bzw. Hintergrund, der Wahl des Papiers sowie der Behandlung der flächigen Form differenziert.

Der 1927 in Barcelona geborene Francisco Farreras beschäftigt sich, angeregt durch zahlreiche Studienreisen, frühzeitig mit der Abstraktion. In seiner auf das Material konzentrierten Malerei verbindet er Marmorstaub, Pigmente und Leim zu einer pastosen Farbkruste, die auf der Bildoberfläche reliefartige Strukturen hinterlässt.
In den 1950er Jahren findet er in der Verbindung von Seidenpapier und Farbpigmenten eine neue Form der Collage, die er später auch, unter Hinzufügung von Pappe, Karton, Textilien und Holz, auf große Bildformate überträgt und zu dreidimensionalen Wandreliefs weiterentwickelt.

Die Farbvaleurs bewegen sich zwischen gedecktem Rot, Braun, Ocker und Grau. Die reduzierten Formen, korrespondierend mit der zurückgenommenen Farbigkeit und dem haptisch erfahrbaren Material, verleihen Farreras Kunst einen magisch-meditativen Charakter.

Joan Miró lernt Picasso 1919 während eines Parisaufenthaltes kennen. Anfänglich beschäftigt er sich vor allem mit Keramikarbeiten. Zunehmend beeinflusst ihn jedoch die surrealistische Kunst, kreiert er eine eigenständige Bildsprache, in der magische, stark vereinfachte Zeichen frei auf einem indifferenten Grund schweben. Sie sind poetische Metaphern für eine phantastische traumhafte Welt. Anfang der 1930er Jahre gelangt Miró mit Hilfe der Collagetechnik zur Abstraktion, ohne jedoch den Bezug zum Gegenständlichen vollkommen aufzugeben.

Mit dem Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges schlagen sich ab 1936 subjektive traumatische Erlebnisse in seiner Malerei nieder: alptraumartige Gebilde auf grellem Farbgrund spiegeln die desolate Gemütsverfassung des Künstlers wider.

Pablo Picasso schafft ab 1900 mit seinem ersten Parisaufenthalt einen autonomen Stil, den er als „Blaue Periode“ bezeichnet. Beeinflusst von den Milieu- und Varietéstudien Toulouse-Lautrecs fängt er das Elend des Pariser Alltags in vorwiegend blauen Farbtönen ein. Auch in den folgenden Jahren bleibt er auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen und Bildsujets; ab 1904 entstehen zunächst lyrisch anmutende Zirkusdarstellungen in zarten Pastelltönen, die er unter dem Begriff „Rosa Periode“ subsumiert.

Durch die Auseinandersetzung mit der Malerei von Cézanne findet er bald zur geometrisch-abstrakten Form des Kubismus, die 1907 in sein Schlüsselwerk „Les Demoiselles d’Avignon“ mündet. Daraus entwickelt er, im künstlerischen Gedankenaustausch mit Braque, den analytischen Kubismus, der sich in Papiers collés und Collagen mit rhythmisch zersplitterten flächigen, den Gegenstand auflösenden Formen manifestiert.
Sein Entsetzen über den Spanischen Bürgerkrieg thematisiert er schließlich 1937 in „Guernica“.
Der Stilpluralismus Picassos, die Vielfältigkeit seiner Themen, seine unerschöpfliche Kreativität und Experimentierfreude prägen das Werk bis zu seinem Tod 1973.

Antonio Sauras Bildgestalten erscheinen wie deformiert: knorpelhaft, amorph und abstrahiert.
Dieser Eindruck wird durch die vorherrschende Dunkelfarbigkeit von Grau, Braun und Schwarz intensiviert. In der Kombination mit den gewählten Bildsujets entstehen Assoziationen zu Goyas Dämonendarstellungen und Velàzquez Kreuzigungsszenen, die den Maler bereits in frühen Jahren bei seinen Besuchen im Madrider Prado nachhaltig beeindruckt haben.

Seine archaisch wirkenden Gestalten veranschaulichen den kreativen Entstehungsprozess, vom Ursprung der Figur bis zur im Malprozess gefundenen abstrakten Form.

Sauras Werk erscheint figürlich, impliziert jedoch den informellen Malgestus. Die Figur dient dem Künstler als Orientierungsbasis, um sich nicht im impulsiv-unkontrollierten, maßlosen Akt des Malens zu verlieren.
Gerade ihre Radikalität, die dem kreativen Finden der Form den Vorrang gegenüber einer ästhetischen Formulierung einräumt, zeichnet diese Malerei aus.

Der Katalane Antoni Tàpies produziert 1945 seine ersten Materialbilder, in denen er Ölfarbe mit Marmorstaub, Sand, Kalk, und Haar auf dicht strukturierten Holz- und Leinwänden mischt. Er erweitert sie durch alltägliche, in seiner Umgebung vorgefundene Objekte zu Assemblagen, deren Materialien und unterschiedlichen Oberflächenstrukturen einen unfertigen Zustand evoziieren.

Tàpies Oeuvre konzentriert sich dabei ganz wesentlich auf Textur und Materie, deren magisch-realistische Eigenschaften sowie deren Potential an Metamorphose und Zufälligkeit im Experimentellen. Mutierende Oberflächen machen in seinen Bildern die Natur des Materials sichtbar. Strukturen offenbaren sich durch Sprünge, Risse, Unebenheiten, Graffiti, welche die Vergänglichkeit der Zeit widerspiegeln: Materie ist vollendetes Faktum.

Die dunkle Farbpalette verleiht seinen Bildern ein zutiefst poetisch-melancholisches, zugleich prosaisches Moment. Unter dem Einfluss von mystizistischen Theorien wiederholen sich geheimnisvolle Kreuzformen, Kreise, Buchstaben und Zahlen, denen der Künstler jedoch keine Definition auferlegt. Der Betrachter wird mit einer geheimnisvollen, rätselhaften Kunst konfrontiert: Malerei als Spiel mit reflexivem Charakter, bisweilen von einem humorvollen Unterton begleitet.


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