2007 Dezember

GALERIE RIEDER

DRAWINGS · PRINTS · SCULPTURES

11. Dezember 2007 – 8. März 2008

 

 

Die Galerie Rieder zeigt zum Jahresausklang hochkarätige Zeichnungen, Graphiken und Skulpturen des 20. und 21. Jahrhunderts.

Die Bildhauerin Hanneke Beaumont (*1947 in Maastricht, NL) thematisiert in ihrem Werk die Psyche des Menschen, seine Einsamkeit, Entfremdung, Melancholie, Sehnsucht – seine Existenz.
Ihre lebensgroßen archaisch anmutenden Figuren ruhen in liegender, sitzender, kniender, stehender oder schreitender und stets introvertierter Haltung auf minimalistischen hohen Sockelkonstruktionen. Sie posieren ohne Gestik und Mimik in theatralischer Attitüde, sind Vehikel ihrer individuellen Emotionen, die zwischen Isolation, Selbstreflexion, Autonomie, stoischem Heroismus und Pathos variieren. Ihre Körpersprache impliziert das heroisch-poetische Moment der Selbstaufgabe und Verzweiflung.

Wolfgang Bühler (*1957 Nürnberg) besinnt sich auf eine im 18. Jahrhundert entwickelte Beziehung zwischen dem empfindsamen Menschen und der Natur und die vorherrschende Idealvorstellung von einer Synthese zwischen empirischer Erfassung und subjektiver Phantasievorstellung der Natur.
Seine ausgewogenen, ruhigen Kompositionen (Landschaften – erdgraublau 2005/06) korrespondieren durch ihre zarte Polychromie und die virtuos zurückgenommene Pinselführung miteinander: Der Künstler führt den Betrachter an die Grenzen seiner visuellen Wahrnehmung, vergegenständlicht das Unfassbare, sein individuelles Erleben der Welt und sein Verschmelzen mit der Natur.

1949 gründete Rolf Cavael (1898-1979) zusammen mit Willi Baumeister, Rupprecht Geiger und Fritz Winter in München die Künstlergruppe ZEN 49.
Die Initiatoren organisierten regelmäßig Ausstellungen, zu denen Künstler wie Hans Hartung, Ernst Wilhelm Nay und Emil Schumacher eingeladen wurden.
Gemeinsam proklamierten sie ihr Bekenntnis zur Abstraktion ohne Vorgabe eines bestimmten Stils und das Streben nach Verständnis und Anerkennung ungegenständlicher Kunst in der Öffentlichkeit.
Cavaels Schaffen konzentriert sich auf die Fläche und deren Veränderung durch das Einsetzen und Überschneiden von Linien, die neue Formen und Strukturen hervorbringen.

Die bildhauerischen Arbeiten von Eduardo Chillida (1924-2002) negieren die naturalistische Wiedergabe des Gegenstandes, sie reduzieren sich auf den darstellenden, nicht abgebildeten archaischen Gegenstand.
Weiche abgerundete Formen und die Konzentration auf das Volumen der Schwere und Kompaktheit der Materialien Stahl und Terracotta (Lurra M-13, 1995) stehen im Mittelpunkt seines Schaffens. Die Skulptur erfährt durch den Betrachter eine neue ästhetisch-sinnliche Wahrnehmung.
Seine bildhauerische Ausdruckskraft transferierte er virtuos in das druckgraphische Medium und entwickelte in seinen Papierarbeiten durch die Verwendung von Hell/Dunkel- und Schwarz/Weiss-Kontrasten, die subtile Differenzierung zwischen Unter- bzw. Hintergrund, die Wahl des Papiers sowie die Behandlung der flächigen Form eine neue Plastizität.

Die Bildwelten von Max Ernst (1891-1976) sind im Bereich des Unbewussten angesiedelt. Angeregt durch die romantische Malerei des 19. Jahrhunderts versuchte er, die „inneren Bilder“ (Mythos, Libido und Tabu) anschaulich zu machen.
Analog zu Caspar David Friedrichs Landschaftsbildern schuf er surrealistische Passagen, die an die Naturmystik der Romantiker anknüpften. Die in seinen Bildwelten wiedergegebenen Konstellationen des Fantastischen und Sadistischen werden durch einen konträren, buntfarbigen Fond unterlegt, der das alptraumartige Moment der Darstellung relativiert. In ihnen äußert sich der Protest gegen den Wahrheitsanspruch des Erscheinenden (La brebis galante, 1949).

Lyonel Feininger (1871-1956) wurde 1919 an das von Walter Gropius gegründete Bauhaus berufen, wo er als Meister die druckgraphische Wertstatt leitete.
Die in dieser Zeit entstandenen Aquarelle und Tuschfederarbeiten weisen einen an Kinderzeichnungen erinnernden, unruhigen „Kritzel-Stil“ auf (In der Flussmündung, 1922), während in seinen parallel hervorgebrachten Gemälden strenge klare Kompositionen und geometrische Konstruktionen dominieren.
Ab 1924 entwickelte er einen monumentalen, kristallin wirkenden Stil, der Architekturmotive in einzelne Flächen auflöst, die – übereinandergeschichtet – dem Bildsujet eine neue Form verleihen (Bridge at Oberweimar, 1924).

In den Nachkriegsjahren entwickelt sich Paris zum Zentrum der gestisch-abstrakten Kunst. Einer der Protagonisten, die ihre Malerei als Ausdruck ihrer Existenz nach 1945 und den daraus resultierenden liberalen geistigen Neuanfang verstanden, ist – neben Jean Fautrier, Pierre Soulages und Wols – der seit 1945 dort lebende, deutschstämmige Hans Hartung (1904-1989).
Er bevorzugte in den späten 1940er Jahren zunächst die Technik des Pastells, die ihm den Einsatz verschieden starker Linien und Striche, die sich expressiv und scheinbar automatisiert über die gesamte Bildfläche erstrecken, ermöglicht. Ab 1955 trug er mit chinesischen Pinseln virtuos Tusche auf sepiafarbiges Papier auf und schuf in den folgenden drei Jahren annähernd 3000 „tachistische“ Zeichnungen, die asiatische Kalligraphien anklingen lassen.

Die Plastiken von Riki Mijling (*1954 in Nijmegen, NL) bestimmen durch ihren klaren und erhabenen Ausdruck den Raum.
Die Verwendung minimalistischer kompakter Formen wie Kugel und Ellipse (Ortus Sum, 2006), kombiniert mit dem von der Künstlerin bevorzugten Material Bronze, dessen Oberfläche gleichmäßig dunkel glänzend oder mit einer unregelmäßig grün schimmernden manuellen Patinierung versehen ist, lässt die Objekte nicht nur optisch, sondern auch haptisch erfahrbar werden: ihre würdevolle, sinnlich-ästhetische Aura versetzt den Betrachter in einen kontemplativen Zustand.

László Moholy-Nagy (1895-1946) leitete als Nachfolger von Johannes Itten die Vorkurse und die Metallwerkstatt am Weimarer Bauhaus. Seine anfangs mittels Malerei und Graphik umgesetzten konstruktivistischen Ideen verband er zunehmend mit neuen technischen Kunst- und Ausdrucksformen wie der Fotografie, Fotomontage und dem Film.
Ihm gelang der radikale Bruch mit der klassischen Malerei und die Hinwendung zu bewegten technisierten Bildern, die vom Betrachter eine gesteigerte und geschärfte Wahrnehmung für komplizierte Zusammenhänge und Abläufe forderten.
Die als Stele, Torso, Bozetto und Ombra bezeichneten Werke von Herbert Peters (1925-2006) lassen eine reduzierte verdichtete Formensprache, die Betonung des Materials (Stein, Bronze) und Komplexität erkennen. Sie erscheinen als kompakte autonome abweisende Monolithe, vermitteln durch ihre abgerundeten Kanten und die zurückgenommenen weichen Kurven sowie die differenziert bearbeiteten Oberflächenstrukturen einen subtilen Eindruck.

Der am Bauhaus lehrende Oskar Schlemmer (1988-1943) unterwarf den menschlichen Körper einer strengen Ordnung aus Zahl, Maß und Gesetz mit linearer Konzeption. Sein Prototyp setzt sich aus den streng geometrischen Formen Dreieck, Rechteck und Kreis zusammen (Figur H2 Sitzende, 1922). Die Hintereinanderreihung der Figuren erzeugt ein transparentes Gerüst aus Spannung, Antagonismen und Kommunikation, der gezielte Einsatz von Farbe suggeriert Raum und Unendlichkeit.
Der Künstler ist Schöpfer eines proportionierten Formenidols im klassischen Sinn: der Mensch ist das Maß aller Dinge und bildet die Schnittstelle zwischen Ratio und Mystik.

Lothar Schreyer (1886-1966) leitete von 1921-23 die Bühnenwerkstatt des Staatlichen Bauhauses in Weimar und befasste sich mit Kulissen- und Kostümentwürfen.
Sein druckgraphisches Werk entstand durch intensive Auseinandersetzung und im Kontext mit den Ausstattungen für die Theaterinszenierungen; er gestaltete detailliert ausgearbeitete Figurinen- und Tänzer/innenmodelle sowie abstrakte, an den Expressionismus anknüpfende Bildkompositionen und -konstruktionen, in denen sich durch alternierende schwarze und weiße Flächen und Linien, kontrastierende helle und dunkle Töne neue Formen und Muster entwickeln (Gleichgewichtsübung, 1923).

Emil Schumacher (1912-1999) zählt zu den wichtigsten Vertretern der informellen Kunst, die sich nach 1945 in Deutschland entwickelte.
Ab 1950 befreite er seine Malerei von gegenständlichen Motiven. Die Farbe, ihre Materialität und ihre Veränderung durch Werkzeuge wie Messer, Spachtel und Hammer sowie ihre sinnliche Ausdruckskraft bestimmen seine Bildwelten.
Die abstrahierten fragmentarischen, Höhlenmalerei assoziierenden Darstellungen von Tieren, Bäumen und Landschaften veranschaulichen sein Interesse an der Natur und sind inspiriert durch seine Reisen nach Südamerika, Tunesien, Marokko, Djerba und Ibiza.
Insbesondere in seinem graphischen Werk dominiert die Linie, in der sich das manifestiert, was mit Farbe nicht anschaulich gemacht werden kann: die persönliche und unmittelbare Expression des Künstlers.

Antoni Tápies (*1923 in Barcelona) verwendet eine vorwiegend dunkle Farbpalette, die seinen Bildern ein zutiefst poetisch-melancholisches, zugleich prosaisches Moment verleiht. Beeinflusst von mystizistischen Theorien wiederholt er geheimnisvolle Kreuzformen, Kreise, Buchstaben und Zahlen, denen jedoch keine definierte Bedeutung auferlegt wird. Das Bild soll dem Betrachter als Frage, als Rätsel, als etwas Geheimnisvolles entgegentreten: Malerei als Spiel mit reflexivem Charakter, der bisweilen von einem humorvollen Unterton begleitet wird.

Zeichen, Chiffren und Textfragmente, frei von entschlüsselnder Lesbarkeit, charakterisieren die Malerei von Petra Winterkamp (*1955 in Dortmund).
Sie erarbeitet in ihren Arbeiten suggestive Formationen aus Farben, Linien und Symbolen, die nicht abbilden, sondern neue, eigenständige Assoziationsflächen schaffen.
Befreit von jeder mimetischen Zielsetzung generieren ihre Kombinationen aus reliefartigen Farbschichten und Zeichen ein schöpferisches Ganzes, das mehr ist als die Summe seiner Teile: Schrift, Zahl und Material.


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