2008 Oktober

GALERIE RIEDER MÜNCHEN

HOLZ-SCHNITT   HOLZ-STAMM

Arbeiten von Franz Gertsch

und Rudolf Wachter

26. September – 14. November 2008

 

Zum Auftakt der diesjährigen Open Art präsentiert die Galerie Rieder zwei Künstler, deren Werke auf dem “Holzschneiden” basieren: den Schweizer Maler und Graphiker Franz Gertsch und den in München ansässigen Bildhauer Rudolf Wachter.

Frauenporträts und Naturdarstellungen bestimmen das Werk von Franz Gertsch. Seine Hinwendung zur Natur wird 1976 durch den Umzug in den abgelegenen Ort Rüschegg im Schwarzenburger Land eingeleitet und schlägt sich zunächst im malerischen Werk nieder.
Ab 1986 setzt sich Gertsch intensiv mit dem Medium des Holzschnittes auseinander. Die in Serien entstandenen Arbeiten Rüschegg und Schwarzwasser, sowie die in den 1990er Jahren ausgeführten großformatigen Holzschnitte Pestwurz, Gräser und Wasser stammen aus seinem direkten Lebensumfeld. Er konzentriert sich auf einen eng begrenzten Ausschnitt der Natur, in dem sich Grashalme verdichten und überschneiden, sich einzelne Blätter schwer und massiv in den Vordergrund drängen, ein filigranes Spiel von Licht- und Schatteneffekten räumliche Tiefe erzeugt und den verschwommenen Bildmotiven differenzierte Konturen verleiht.

In seinem Werk bleibt das charakteristisch Lineare des Holzschnittes unsichtbar. Gertsch schneidet keine Linien ins Holz, sondern hebelt mit dem Hohleisen unzählige Punkte aus dem Untergrund heraus. Sie nehmen beim Druck keine Farbe an, sondern bleiben als helle Punkte auf dem Papier stehen. Grashalme, Blätter, Bäume lösen sich in zahlreiche kleine Punkte auf, die sich einzeln oder vielfältig verdichtet rasterartig über die Bildoberfläche erstrecken und die Darstellung abstrahieren.
Die Sujets werden präzise nach einem von Gertsch vorab hergestellten Dia wiedergegeben, durch die monochrome Farbigkeit und die überdimensionale Vergrößerung jedoch von der Vorlage entfremdet. Abschließend erfolgt der Druck des Motivs in stark variierendem Kolorit, die jeden der manuell angefertigten Abzüge einer Edition zu einem Farbunikat machen.

Franz Gertsch findet mit den monumentalen Holzschnitten, die er zwischen 1986 und 2004 zu einem eigenständigen, der Malerei gleichwertigen Werkkomplex entwickelt, eine neue künstlerische Ausdruckmöglichkeit. Er lässt den Betrachter durch seinen subjektiven mikroskopischen Blick die auf bis zu 276 x 380 cm große Japanbögen gedruckten Naturporträts als Makrokosmos wahrnehmen. Sie vermitteln die Suche nach einer von Ort und Zeit befreiten, auf das Charakteristische und Allgemeingültige reduzierten Wirklichkeit.

Der Künstler zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Grafikern des Holzschnittes. In den 1960er Jahren vollzieht Rudolf Wachter erstmals mit der Kettensäge an einem feuchten Baumstamm mit noch geschlossenen Jahresringen einen Schwundschnitt bis ins Herz und durchtrennt dabei die Ringe. Sie schwinden und die Schnittstelle weitet sich zu einer Keilform aus und bildet eine verblüffend minimalistische Skulptur.

Diese neuartige Arbeitsweise wird im darauf folgenden Jahrzehnt Ausgangspunkt für Wachters bildhauerisches Oeuvre. Unter Berücksichtigung der Einzigartigkeit und Eigentümlichkeit jedes Baumes bezieht er den lebenden Werkstoff, seine komplexe Beschaffenheit und seine natürlichen Veränderungsprozesse ein.
Mit wenigen, gezielt gesetzten Schnitten wird das Eigenleben des Materials, das “Arbeiten des Holzes” stimuliert, verändert sich der vornehmlich von mächtigen Pappeln stammende, von der Rinde befreite Holzstamm durch Ausdehnen und Schrumpfen hin zu den vom Künstler vorgesehenen geometrischen und filigranen Formen Zylinder, Spirale, Würfel, Quader und Prisma.

Im Mittelpunkt seines Schaffens steht die durch die Natur bedingte freie Form. Der Stamm besitzt die vollkommene Gestalt, die mit Hilfe der Kettensäge transformiert und konserviert wird, sodass das Holz das ihm Immanente, seine natürliche Materialität und Struktur (Jahresringe, Risse, Äste, diverse Unebenheiten) behält und seine Lebendigkeit, sein haptischer Charakter und seine Plastizität sichtbar werden.

Inspiriert von den durch Kanneluren unterbrochenen Säulen griechischer Tempel, welche die Form durch das Alternieren von konkaver und konvexer Wölbung, Licht und Schlagschatten nicht als Fläche, sondern als Körper erfahren lassen, bringt Wachter mit der Anwendung des Schwundschnittes ein neues Raumdenken zum Ausdruck: Zunächst ist der runde, hermetisch geschlossene Stamm ein autonomes Raumgebilde. Die durch den Schnitt sich zum Innenraum öffnende Skulptur definiert nun das Verhältnis zwischen Stamm und Umgebung und lässt sie miteinander kommunizieren.

In den vergangenen Jahrzehnten entwirft Wachter unter anderen die Serien New Grange, Entwicklung einer Kiste, Gebrochener Raum und Omaggio al Piero sowie zahlreiche monumentale Skulpturen für den öffentlichen Raum in München und Umgebung.

Seine Arbeiten entwickeln sich in einem fortwährenden intensiven Dialog mit der Natur – er offenbart das von ihr Vorgegebene und macht damit für den Rezipienten die Realität in transformierter Form erfahrbar.


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