2004 Februar/März

Hans Hartung und Pierre Soulages

Eine Künstlerfreundschaft

6 . März 2004 – 29. Mai 2004

Die Galerie Rieder zeigt in ihrer aktuellen Ausstellung Arbeiten von Hans Hartung und Pierre Soulages.

Paris galt nach 1945 als Schauplatz der abstrakten Kunst. Hier formierte sich 1946 der Salon des Réalités Nouvelles, der in regelmäßigen Ausstellungen vorwiegend geometrisch-abstrakte Kunst präsentierte.
In diesem Salon beeindruckte der deutschstämmige Hans Hartung, der seit 1935 in der französischen Metropole lebte, mit seinen skripturalen Bildern und sorgte zugleich mit diesen Arbeiten für Irritationen.
1947 lernte er Pierre Soulages kennen. Beide standen der École de Paris nahe, beide tendierten zur dynamischen Abstraktion und in den Folgejahren entwickelte sich ein reger künstlerischer Austausch, verbunden mit gemeinsamen Ausstellungsaktivitäten.

Hartung stellte das künstlerische Weltbild der Nachkriegsjahre in Frage, indem er eine abstrakte Bildsprache entwickelte, welche die Wirklichkeit eines spontanen Lebensgefühls implizierte und reflektierte. Bisher assoziierte der Begriff Abstraktion einen geometrischer Bildaufbau mit konkreten Elementen, ohne Bezug zur Wirklichkeit. Die Malerei diente Hartung dagegen als Spiegel seiner augenblicklichen humanen Existenz. Seine expressive, scheinbar automatisierte Linie steht im Dialog mit dem Hintergrund, der durch seine Zurückhaltung kontemplative Geschlossenheit vermittelt. Hartungs Malerei ist von dieser Linie geprägt, durch deren konzentriert-dezidierten Einsatz er – manchmal impulsiv, oft jedoch reflektierend – verborgene und äußerst dynamische Kräfte sichtbar zu machen vermag.

Um 1947 kennzeichnet ein strenger, statischer, hermetisch geschlossener, oft vergitterter Bildaufbau mit wenig farbiger Akzentuierung Hartungs Arbeiten.
In den fünfziger Jahren entwickelt er eine Synthese aus Meditationszeichen und energetischer Form: isolierte, sich überschneidende und zu einer Geste verflochtene, subtile Linien sind vor einen leeren Bildgrund gesetzt; sie sind subjektiver, künstlerischer Ausdruck in einer objektiven Bildordnung.
Ab 1960 arbeitet Hartung verstärkt mit der Spritzpistole; sie ermöglicht ihm einen gleichmäßigen, differenzierten Farbauftrag von höchster Intensität. Durch die Automatisierung des Werkzeuges verschwindet das subjektive Moment im Bild. Nicht mehr am rein subjektiven Ausdruck des Entstehungsprozesses ist dem Künstler gelegen, sondern an der Vollendung seines kreativen Wirkens im Spannungsfeld von emotio und ratio. Dabei wird die psychogrammatische, expressive Linie zu Hartungs prägender “ècriture”.

Für Pierre Soulages ist “Malen ein geistiger Vorgang, durch den die Wirklichkeit umgewandelt wird: das Bild ist eine Metapher!” *
Seine Bilder sind geprägt von seiner subjektiven Erfahrung der Wirklichkeit und seiner Auseinandersetzung mit ihr; sie entstehen aus der Lebenskraft und der Energie aus dem Erlebten. In ihnen manifestiert sich eine starke Künstlerpersönlichkeit mit großer Selbsterkenntnis und einem Bewusstsein des Lebens.

Soulages’ Vorliebe für die intensive schwarze Farbe versteht sich nicht als Bekenntnis zur monochromen Malerei. Vielmehr summieren sich für ihn im Schwarz alle Farben. Durch Schwarz gelangt er unmittelbar zum Licht, denn das Licht wird im Schwarz mutiert.
Sein primäres Interesse richtet sich dabei besonders auf die Oberfläche und deren Reflektion. Die Monochromie der Farbe wird durch die Strukturen und Texturen, die auf der Leinwand entstehen und durch Licht und Schatten äußerst differenzierte Valeurs bilden, aufgelöst: nicht die Farbe sondern das Licht dient als Ausdrucksmittel, das dem Bild Spannung, Bewegung und Gleichgewicht verleiht.

In der Malerei von Pierre Soulages lassen sich drei Phasen erkennen:

Ab 1946 arbeitet er überwiegend mit schwarzer Farbe auf hellem Grund, wodurch er stärkere Kontraste und eine größere Leuchtkraft der hellen Farbe erzielte. Durch den durchdachten Pinselduktus und kontrolliert-dynamische Bewegungen entstehen festgefügte, archaische Formen auf der Leinwand.

In den 1960er Jahren werden helle Farben von dichtem Schwarz überdeckt und entfalten sich erst durch das nachträgliche Abschaben der schwarzen Farbe. Die verbleibenden schwarzen Konturen verleihen den freigelegten Farben einen überhöhten Charakter.

Die kontrastierende Hell-Dunkel-Komposition weicht ab Ende der 1970er Jahre einer Strukturierung der schwarzen Fläche. Durch die Rillen, die Soulages mit Hilfe von Messern, Klingen und Bürsten in die pastos aufgetragene schwarze Farbe prägte und die mit den glatten Flächen alternierten, entsteht ein vibrierendes, nuancenreiches Licht.

Soulages’ Konzentration liegt auf dem Wechselspiel der Antithese Licht und Nichtlicht. Den Höhepunkt seines lichten Dunkels erreichen die von ihm zwischen 1987 und 1994 gestalteten Fenster der mittelalterlichen Abteikirche in Conques: an diesem Ort lässt sich die differenzierte Lichteinwirkung, durch die die Farbigkeit der Fenstergläser variiert und damit der Verlauf der Zeit bestimmt wird, besonders schön nachvollziehen.

* Werner Schmalenbach, ” Kunst ! Reden – Streiten – Schreiben ” Köln, 2000, S. 124


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